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Die Zukunft des Datenaustauschs

Big Data fordert und fördert die Zusammenarbeit

06/2016 - Mit der databox hat die DB Systel eine Plattform ins Leben gerufen, die den Austausch von Daten zwischen den DB-Unternehmen ermöglichen soll. Dies trifft offenbar den Zeitgeist – zumindest, wenn es nach der renommierten Fraunhofer-Gesellschaft geht. Dort setzt man bereits auf den branchenübergreifenden Datenaustausch und dessen Potenzial.

Experten schreiben den Datenschätzen künftig eine der zentralen Rollen für Unternehmen zu. In den Überlegungen geht es aber schon lange nicht mehr darum, ob Big Data sinnvoll ist, sondern vielmehr wie man am besten und sichersten damit umgeht. Eine Möglichkeit: Data Services. Das sind datenbasierte Leistungsangebote wie etwa Online-Portale, die selbstständig Daten auswerten können. Eine andere Möglichkeit ist es, verschiedene Datensätze unternehmensübergreifend miteinander zu verknüpfen. Also das, was die DB Systel gerade mit der databox initiiert hat.

Unternehmen öffnen ihre Datentore

Die Fraunhofer-Gesellschaft hat diesen Schritt bereits von einigen Monaten unternommen. Es entstand der sogenannte Industrial Data Space, ein virtueller Raum zum Datenaustausch zwischen Unternehmen verschiedener Branchen. Der Industrial Data Space beruht auf dem Wissen, dass Daten ihr Potenzial häufig erst durch ihren Austausch und die Verknüpfung mit weiteren Daten entfalten.

Jan Cirullies (Fraunhofer IML)
© Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

Jan Cirullies leitet das Projektbüro für den Industrial Data Space. Für ihn löst der virtuelle Raum besonders ein großes Problem: „Bisher gab es ähnliche Überlegungen vor allem im Stile einer gigantischen Sammelstelle, eines data lakes (Daten-See). Nur weiß man da ja nicht, wer alles drin ‚rumfischt‘.“ Unternehmen würden so eher davon abgehalten, interessante Daten offen zu teilen, da sie nicht kontrollierbar seien. Die Architektur des Industrial Data Space soll aber für einen nutzbringenden Austausch ohne Sicherheitsrisiken sorgen. Eine Idee, die auch Bundesforschungsministerin Johanna Wanka überzeugte. Nach ihrer Einschätzung zielt der Industrial Data Space genau auf die Bedürfnisse der deutschen Industrie.

DB Systel verfolgt mit der databox das, was die Fraunhofer-Gesellschaft im Großen bereits realisiert hat: eine branchenübergreifende Plattform für Datenaustausch, die exklusiv bestimmten Unternehmen zur Verfügung steht und strengen Datenschutzrichtlinien unterliegt. Den Bahngesellschaften steht seit Mai die databox zur Verfügung. Die ersten Datensätze sind eingepflegt, und die erste Resonanz von Datenverantwortlichen war überaus positiv. Was mit der databox alles möglich ist, lässt sich beim Blick auf die Initiative der Fraunhofer-Gesellschaft erahnen.

Digitale Türsteher

Über sogenannte Konnektoren werden die Teilnehmer künftig einen Zugang zum Industrial Data Space haben. An diesen Schnittstellen wird geregelt, welche Teile der jeweiligen Datensätze zur Verfügung gestellt werden sollen. An den Konnektoren kann der Benutzer auch beauftragen, nur ein paar ausgewählte Ausschnitte der Datensätze preiszugeben, oder der Eigentümer der Daten kann direkt eine zeitliche Begrenzung der Nutzung einstellen.

Prof. Dr. Boris Otto ist der Leiter des ambitionierten Projekts. Er weiß um den strategischen Wert, den die Datensätze für die Unternehmen haben. „Deshalb ist es so wichtig, dass Unternehmen immer die Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten. Digitale Souveränität entscheidet über den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen.“

Zurück in die Zukunft?

Digitalisierung ist kein Zukunftsthema, es ist die Gegenwart, der man sich als Unternehmen stellen muss, weiß Jan Cirullies: „Kerngeschäfte wandeln sich. Die Unternehmen müssen neue Wege gehen.“ Vermutlich hätte man vor Jahren nicht für möglich gehalten, dass der Sportbekleidungshersteller Adidas eine Lauf-App für 220 Millionen Euro aufkauft. An dem Beispiel wird deutlich, was dem Unternehmen die Daten der Freizeitläufer wert sind. Es dreht sich alles um Digitalisierung, es dreht sich alles um Daten. Und da ist „der Industrial Data Space in Zukunft das nächste, große Ding“. Da ist sich die Fraunhofer-Gesellschaft sicher.

Waren diese Daten bislang nur Mittel zum Zweck, werden sie nun immer mehr selbst zum Produkt. Daraus ergeben sich für das Fraunhofer-Institut neue Rollen im Industrial Data Space, etwa die des Datengebers und des Datennutzers. Wichtig werden aber auch Mittler und Bereitsteller wie Broker, App-Store-Betreiber und Zertifizierungsstellen.

Daten verbinden Branchen

Ein möglicher Datennutzer könnte demnach die Chemie-Industrie sein, die darauf angewiesen ist, dass Zulieferteile oder Medikamente nicht nur vollständig an ihrem Bestimmungsort ankommen.

Prof. Dr. Boris Otto (Fraunhofer IML)
© Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

Häufig sind die Waren so sensibel, dass eine zu hohe Schwankung in Temperatur, Luftdruck, magnetischer Strahlung oder anderen Kenngrößen Schäden verursachen können. Kenngrößen, die ein Akteur liefern könnte, den man bislang vielleicht gar nicht auf dem Zettel hatte. Etwa den großen Automobilhersteller, dessen Fahrzeuge auf den Straßen künftig so flächendeckend vernetzt sind, dass man ein genaues Bild der jeweiligen Straßenlage und Umgebungsverhältnisse bekommt. Der Industrial Data Space bietet so das Potenzial für ganz neue Formen der Synergie.

Ohnehin müssen viele Unternehmen künftig umdenken. So können teure Maschinenparks ein Alleinstellungsmerkmal sein. In einer digitalisierten Welt können große Anwendungen aber auch auf dem zerschlissenen Sofa eines Studentenwohnheims entstehen. Beispiele wie Uber, AirBnB und Opodo machen es bereits vor. Apps, die kaum neue Daten generieren, sondern bestehende Informationen über Wohnen und Reisen auf einer Plattform miteinander verknüpfen und so einen erstaunlichen Mehrwert liefern. Daten werden so zum Bindeglied zwischen Unternehmen und Konsumenten.

Nicht nur Bahnhof verstehen

Bevor der Industrial Data Space Teil der unternehmerischen Realität werden kann, müssen zunächst jedoch ein paar Barrieren beseitigt werden. So schlägt der Industrial Data Space ein gemeinsames Vokabular vor, um vernünftigen Austausch branchenübergreifend zu gewährleisten. Für ein Vorhaben dieser Größenordnung fehlt es derzeit einfach noch an Standards, Leitlinien und Zertifizierungen. Daher haben die Initiatoren in diesem Jahr, zusammen mit weiteren Unternehmen, den Verein Industrial Data Space e. V. gegründet. Mit dabei sind unter anderem PwC (PricewaterhouseCoopers), Volkswagen, ThyssenKrupp, Bayer und Bosch. Klar ist für die Experten: Data Services, wie Industrial Data Space und die databox, werden viele Industriebereiche verändern. Jeder kann sich einbringen und von der neuen Goldgräberstimmung profitieren. Egal, ob auf dem verschlissenen Studentensofa oder in den Schaltstellen der Bahngesellschaften.