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Expertengespräch

Blick von außen auf die Cloud

06/2016 - Während einige die Cloud als sinnvolle Ergänzung zur ihrer Strategie nutzen, ist anderen der Wert der Cloud noch nicht so recht bewusst. Im Gespräch mit den Cloud-Experten Dr. Denis Royer und Christian Kruppenbacher vom Beratungshaus MHP Management und IT-Consulting erläutern diese den Stellenwert von Cloud Computing.

Die beiden Architekten beraten Unternehmen auf ihrem möglichen Weg in die Cloud und gewährten bereits auf dem Technologietag der DB Systel einen Expertenblick auf das, was sich auch in der DB gerade etabliert. Im Interview fassen sie ihre Erfahrungen und Einschätzungen zusammen.

digital spirit: Herr Royer, Herr Kruppenbacher, Cloud Computing ist ein abstrakter Begriff. Was bedeutet Cloud Computing in der Lebenswirklichkeit eines Unternehmens?

Denis Royer: Die Cloud ist eine Strategie, die im Zeitalter der Digitalisierung etliche Vorteile bietet. Als Beispiel ist eine Nutzung der technologischen Infrastruktur kosteneffizient möglich. Die Skalierung der IT nach Bedarf ermöglicht einen spürbar niedrigeren Ressourcenverbrauch, was unnötige Kosten spart. Außerdem kann man von überall auf die Cloud zugreifen, und man hat mit Cloud-Infrastrukturen und -Anwendungen kaum Ausfälle. Damit werden IT-Systeme noch stabiler und zuverlässiger als je zuvor.

digital spirit: Wie kommt es zu dieser Ausfallsicherheit?

Denis Royer: Zum einen kann beispielsweise eine neu gestartete Instanz (z. B. Server) in der Cloud übernehmen, wenn eine andere ausgefallen ist.

Dr. Denis Royer (MHP)
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Sollte das nicht direkt umsetzbar sein, gibt es Mittel und Tricks, dies trotzdem durchzuführen. Dann kommen in der Cloud applikationsseitig Strategien wie „Graceful Degradation“ ins Spiel, etwa bei amazon.de. (Graceful Degradation bezeichnet die Reaktion des Cloud-Systems auf einen singulären Fehler oder Teilausfälle. Dabei wird versucht, den Betrieb des Gesamtsystems weitestgehend aufrechtzuerhalten.) Wenn da nicht innerhalb einer halben Sekunde eine Empfehlung für eine Produktseite zur Verfügung steht, blenden die einfach einen vordefinierten Werbebanner ein. Das fällt dem Kunden nicht auf. So kommt Amazon aber erhobenen Hauptes aus der Situation heraus. (lacht)

Vom „Haustier“ zum „Nutzvieh“

digital spirit: Wenn man über Cloud Computing spricht, fällt oft der Ausdruck Microservices. Was hat es damit auf sich?

Christian Kruppenbacher: Das geht damit einher. Bildhaft gesprochen sind Microservices, im Gegensatz zum Monolithen, viele kleine Einzelteile, welche am Ende im Verbund die Anwendung bilden. So wird eine Skalierung sehr einfach. Als Beispiel: Netflix nutzt für seine Online-Video-Plattform Microservices. Wenn abends ab 20 Uhr viele Nutzer ihre Serien sehen wollen, kann Netflix die Lasten, die dann auf einmal entstehen, durch die Microservices auf viele Cloud-Ressourcen verteilen. Das nennt man auch vereinfacht das Haustier/Nutzvieh-Prinzip („Pets vs. Cattle“). Früher hatte man etwa bei Web-Applikationen einen „Haustier-Server“ genutzt, dem man sinnbildlich einen Namen gegeben und ihn gehegt und gepflegt hat. Dieser war in seiner Kapazität und Leistung festgelegt und damit unflexibel. Heute tendiert man bei Cloud-Applikationen mehr zum „Nutzvieh“-Ansatz – mit maximal uniformen und austauschbaren Ressourcen. Braucht man ab einer gewissen Zeit wieder weniger Kapazitäten, werden die Server einfach abbestellt, oder im Fehlerfall werden einfach neue Ressourcen gestartet. Am Ende wird nur das genutzt, was notwendig ist. Weiterhin erlaubt die Aufteilung in kleine Services, die Weiterentwicklung von Anwendungen besser aufzuteilen, wodurch man dann schneller und agiler wird.

„There is no cloud“

digital spirit: Und andersherum: Was ist die Cloud nicht?

Denis Royer: Die Cloud ist kein Allheilmittel. In vielen Fällen schafft man mit ihr Innovationspotenzial, kann Prozesse optimieren oder Kosten sparen. Es gibt aber auch Unternehmen, bei denen das Management dem Cloud-Trend folgt, ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, ob das sinnvoll und für alle Bereiche zielführend ist. Außerdem ist die Cloud nicht so kompliziert, wie man oft denken mag. Lediglich 20 Prozent sind Technik, die anderen 80 Prozent sind eher organisatorische Prozesse, wie zum Beispiel Betrieb, Entwicklungsprozesse, Security, die es anzustoßen gilt. Die Cloud wird also oft überhöht.

Es gibt eine schöne Redewendung: „There is no cloud. It is just someone else’s computer.“ („Eine Cloud gibt es nicht. Es ist lediglich der Computer eines anderen.“) Die Cloud ist das Vehikel, die Plattform, um eine Anwendung zu betreiben – und diese sieht natürlich bei jedem Kunden anders aus.

digital spirit: Weil Kunden verschiedene Produkte anbieten?

Christian Kruppenbacher: Ja. Und weil sie unterschiedliche Cloud-Typen brauchen. Das hängt mit dem Geschäftsmodell des Unternehmens zusammen.

Christian Kruppenbacher (MHP)
Christian Kruppenbacher (MHP)
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Eine Bank muss zum Beispiel sehr regulatorisch arbeiten, da ist ständige Kontrolle existenziell. Im Gegensatz dazu will der Zulieferer für Autoteile aber vielleicht einfach alles „cloud-ready“ bekommen und sich um die Technik dahinter nicht sorgen. Für den ist die Hardware nur Mittel zum Zweck, nämlich Autoteile zu verkaufen. Auch innerhalb des DB-Konzerns sind die Voraussetzungen und Wünsche sehr individuell. So unterschiedlich wie die Ansprüche sind aber auch die Modelle, die zur Verfügung stehen.

digital spirit: Für wen ist die Cloud denn überhaupt geeignet?

Denis Royer: Das kann man so pauschal nicht sagen. Da kommt es auf verschiedene Faktoren an. Es gibt sicher kleine Einheiten, bei denen die Investition in eine Cloud-Infrastruktur den Nutzen bei Weitem übersteigt. Dazu kann man sich aber beraten lassen. Andere Anwendungen sind für die Cloud prädestiniert, z. B. webgestützte Online-Portale oder Systeme, wo es Lastspitzen gibt, also dort, wo nicht konstant die gleiche Rechenleistung gebraucht wird. Das können die vielen Mitarbeiter sein, die am Freitag alle ins Wochenende gehen und so am Wochenende weniger Serverkapazität brauchen. Das kann aber auch eine unterschiedliche Beanspruchung durch den Kunden sein. Nehmen wir beispielsweise ein Versandhaus: Da ist der Ansturm vor Weihnachten deutlich höher als sonst.

Anfängliche Sparsamkeit kann zum Bumerang werden

digital spirit: Angenommen, man hat das richtige Modell für sein Unternehmen gefunden. Was sind dann die nächsten Schritte? Was sind typische Fehler?

Denis Royer: Der größte Fehler, den man am Anfang machen kann, ist, am Thema IT-Security zu sparen. Da sollte man eine Lösung finden, die auf das eigene Unternehmen zugeschnitten ist. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass das nachträgliche Einführen von Sicherheitselementen zehn- bis 15-mal teurer ist als eine Implementierung von Anfang an. Bedenkt man das, ist Datenschutz kein Problem. Das kann man alles vertraglich regeln.

digital spirit: Aber es gibt noch eine Angst, die Cloud-Skeptiker umtreibt. Eine Automatisierung oder Zusammenlegung kann Arbeitsplätze kosten.

Christian Kruppenbacher: Die Anforderungen an Technologie werden unaufhaltsam größer, es gibt immer mehr Applikationen. Das bedeutet, dass die IT personell eher wachsen muss statt zu stagnieren. Der Arbeitsmarkt gibt das aber nicht her, es herrscht vielfach Fachkräftemangel. Mit Cloud-Ansätzen wird es der IT ermöglicht, effizienter zu arbeiten, um den zukünftigen Anforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden. Unternehmen ohne eine extrem effiziente IT werden die Digitalisierung schlicht und einfach nicht stemmen können. Die Herausforderungen werden daher sein, die bestehenden IT-Mitarbeiter zu sensibilisieren, sie am Puls der Zeit zu halten und weitere Spezialisten auf dem Markt für das Unternehmen zu begeistern.