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Blick von außen auf die Blockchain

Eine disruptive Technologie für den nächsten Digitalisierungsschritt

07/2017 – Die Blockchain-Technologie ist für den Mobilitätssektor eine der meistversprechenden und potenziell disruptivsten Technologien. Lisa Wegner und Prof. Dr. Philipp Sandner vom Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management zeigen aus der Sicht Außenstehender die möglichen Vorteile auf.

In unserer heutigen modernen Welt bewegen wir uns in Richtung einer  allumfassenden Digitalisierung. Milliarden verschiedener Geräte sind mit dem Internet verbunden und generieren kontinuierlich riesige Datenmengen. Mit der zunehmenden Bedeutung von Software und Services wird der Wandel exponentiell an Tempo zulegen und jeden Bereich unseres Alltags erfassen. Innovative Technologien eröffnen viele Möglichkeiten – gleichzeitig aber bergen sie beträchtliche Risiken. Mit dem Voranschreiten der digitalen Revolution stehen viele Unternehmen und ganze Branchen vor der Notwendigkeit, in einem digitalen Umfeld ihre Wettbewerbsfähigkeit und den Unternehmenserfolg zu verteidigen. Für eine Vielzahl von Industrien bringt dies tiefgreifende Veränderungen mit sich – und verändert die Welt mit zunehmender Geschwindigkeit. Eine der meistversprechenden Innovationen ist die Blockchain-Technologie. Sie wurde 2008 erstmals vorgestellt und ist weithin als die Technologie bekannt, auf der die Internetwährung Bitcoin beruht. Obwohl diese Technologie bisher hauptsächlich im Finanzkontext eingesetzt wird, bietet sie auch für viele andere Branchen ein enormes Potenzial.

Die Blockchain im Kontext der Mobilität

Mobilität ist in unserer modernen Welt ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Mit fortschreitender Digitalisierung und dem Erstarken zahlreicher Technologietrends steht auch der Mobilitätssektor vor einschneidenden Umbrüchen. Auch für diesen Sektor stellt die Blockchain-Technologie eine der meistversprechenden und potenziell disruptivsten Zukunftstechnologien dar. Eine Blockchain lässt sich beschreiben als verteiltes Register zur Erfassung und Speicherung statischer Datensätze und dynamischer Transaktionsdaten ohne zentrale Koordination durch Nutzung eines konsensbasierten Mechanismus zur Validierung von Transaktionen. Mit einfachen Worten: Eine Blockchain ist eine Datenbank, in der Transaktionen gespeichert werden und die dann gleichzeitig an alle verteilt wird, die Teil eines gemeinsamen Netzwerks sind.

Im Mobilitätssektor ist heutzutage der Einsatz von Vermittlern weit verbreitet. Art und Ziel der Blockchain-Technologie könnten jedoch die Geschäftsmodelle dieser Vermittler künftig obsolet werden lassen. Außerdem wird die Blockchain einen neuen Anstoß in Richtung vernetzte Mobilität geben. Hierbei kommen sogenannte „Smart Contracts“ ins Spiel. Smart Contracts sind  Programme, die auf einer Blockchain laufen und beim Eintreten von zuvor festgelegten Bedingungen bestimmte Aktionen auslösen. Dank der Blockchain-Technologie und Smart Contracts könnte beispielsweise für Autos eine automatische Bezahlung von Maut- oder Parkgebühren möglich werden: Die Nutzer laden das „Digital Wallet“ ihres Autos mit Geld auf. Mit Hilfe von Smart Contracts wird das Auto autorisiert, bestimmte Zahlungen bis zu einem festgesetzten Höchstbetrag zu leisten. Die Sensorik im  Auto erkennt, wenn es zum Beispiel auf einer mautpflichtigen Straße unterwegs ist, und die Gebühr wird automatisch, ohne Eingreifen eines Menschen entrichtet. Eine ähnliche Anwendung ist auch für Züge denkbar: Wenn Züge und Bahnhöfe künftig digital miteinander vernetzte Objekte sind, kann der Zug bei Einfahrt in den Bahnhof automatisch die anfallenden Stationsentgelte zahlen. Auch im Güterverkehr bieten sich weitere Einsatzmöglichkeiten: Hier können Blockchains als Datenbanken zur Sendungsverfolgung eingesetzt werden. Dies ermöglicht die automatische Ortung der in das jeweilige Land einfahrenden bzw. ein Land verlassenden Güter, so dass jeweils zum Zeitpunkt der Ein- oder Ausfuhr automatisch Steuerzahlungen und -abzüge veranlasst werden können.

Die Blockchain und ihr potenzieller Nutzen

Hauptziel der neuen Technologie ist es, eine dezentrale Umgebung zu schaffen, in der die Transaktionen und Daten nicht mehr von einer Drittinstanz kontrolliert werden. Gleichzeitig ermöglicht sie die Schaffung von Transaktionsplattformen, die äußerst sicher, kostengünstig, schnell und  weniger fehleranfällig sind und die Möglichkeit bieten, den Kapitalbedarf zu reduzieren. Dies wird nicht nur die Interaktion des Einzelnen mit Organisationen verändern, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, sowie die Produktivität unserer Wirtschaft insgesamt. Der mögliche Nutzen der Blockchain ist jedoch nicht nur in einem wirtschaftlichen Kontext realisierbar. Die Technologie birgt darüber hinaus auch Potenzial zur Problemlösung in den Bereichen Soziales, Politik, Recht und Gesundheit. So können alle Aspekte der Gesellschaft und ihrer Abläufe, wie wir sie heute kennen, völlig umgestaltet werden.

Künftige Herausforderungen und Risiken

Zwar wird die Blockchain vielfach sehr gelobt und sicher bietet sie die Möglichkeit zur Lösung zahlreicher Probleme, gleichzeitig jedoch birgt die Einführung dieser Technologie auch beträchtliche Risiken und Herausforderungen, deren wir uns bewusst sein sollten. Eines der größten Risiken liegt in der Frage, wie sich die staatliche Regulierung entwickeln wird. Dieser Punkt spielt für den Erfolg oder das Scheitern des Blockchain-Sektors eine entscheidende Rolle. Es wäre denkbar, dass staatliche Stellen Gesetze zur Überwachung und Regulierung des Blockchain-Sektors unter Compliance-Gesichtspunkten erlassen. Solche neuen Gesetze werden den Einsatz und die Verbreitung der Technologie entweder verlangsamen oder aber beschleunigen. Zudem zeigen sich technische Herausforderungen und Grenzen, die es in Angriff zu nehmen gilt. Zu nennen sind hier der beschränkte maximal mögliche Datendurchsatz, der bisher relativ hohe Zeitaufwand für eine Transaktion, sowie die enormen Datenvolumen, die zu bewältigen sind. Außerdem machen sich die Nutzer vermehrt Gedanken über potentielle Sicherheitsrisiken. Insbesondere in Finanzkontexten fürchten sie Hacker, Identitätsdiebstahl und Geldwäsche. Insgesamt ist festzustellen, dass sich diese Technologie derzeit noch im Entwicklungs- und Reifeprozess befindet. Wenn sich jedoch immer mehr als Einzelne sowie als Organisationen mit dem Thema befassen und damit experimentieren, werden immer mehr Empfehlungen zur Lösung der gegenwärtigen Probleme entwickelt werden.

Ausblick

Der Blockchain-Technologie wird ein großes disruptives Potenzial für verschiedene Branchen zugeschrieben und Forscher prognostizieren bahnbrechende Umwälzungen in zahlreichen Aspekten unseres Lebens. Dies kann sich auch auf den Mobiltätssektor auswirken. Wenn sich die in diesem Bereich tätigen Akteure des disruptiven Potenzials dieser Technologie bewusst sind und einen Weg finden, sie zur Verbesserung heutiger Prozesse zu nutzen oder neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, kann die Blockchain ein sehr hilfreiches Mittel zur Erzielung von Wettbewerbsvorteilen sein. Ferner bietet die Blockchain Potenzial zur grundlegenden Änderung der Steuerung und Organisation von Unternehmen. Vor der Einleitung konkreter Maßnahmen sollten die Unternehmen sich jedoch über die Herausforderungen und Risiken dieser Technologie klar werden. Für den Finanzsektor wird eine breite Nutzung der Blochchain bereits in drei bis fünf Jahren erwartet. Für andere Branchen bedeutet dies: Der Durchbruch dieser Technologie steht zwar vielleicht nicht schon morgen an, aber er ist doch eindeutig in Sichtweite. Es ist also an der Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen.

Autoren: Lisa Wegner, Philipp Sandner, Frankfurt School Blockchain Center

Lisa Wegner
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Lisa Wegner

Lisa Wegner ist Studentin im Masterstudiengang Management (M.Sc.) an der Frankfurt School of Finance & Management. Im Rahmen ihrer Masterarbeit in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn AG untersucht sie derzeit die Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain und Internet der Dinge und ihren Nutzen für Verkehrsunternehmen.

 

Philipp Sandner
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Philipp Sandner

Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management. Das Blockchain Center wurde im Februar 2017 ins Leben gerufen und analysiert die Implikationen der Blockchain-Technologie für Unternehmen und Geschäftsmodelle. Es bietet Entscheidungsträgern, Startups, Technologie- und Industrieexperten eine Plattform zum Wissensaustausch und ein Forum für Zukunftsvisionen. Prof. Sandner ist Mitglied des FinTechRat beim Bundesfinanzministerium.