PIA (Header)
© Deutsche Bahn AG (Bartlomiej Banaszak)

Internationale Preisbildung

Quer durch Europa mit einer Buchung

01/2017 - Von Hamburg nach Warschau, von Kopenhagen nach Wien: Dank PIA wird es immer einfacher, mit der Bahn quer durch Europa zu reisen. Die zukunftsfähige Vertriebslösung verknüpft Eisenbahnverkehrsnetze und macht die Buchung von internationalen Tickets flexibler und komfortabler.

Bisher erfolgte der Verkauf von Tickets für das europäische Ausland nur für ausgewählte Verbindungen, die jeweils händisch gepflegt wurden. Doch dank des Projekts „Preisbildung und internationale Angebotserstellung (PIA)“ ist es jetzt möglich, Tickets für viele Strecken in Europa ohne großen Aufwand zu buchen. Im Prinzip ist es so, als würde man eine Fahrt innerhalb Deutschlands buchen: Reisende geben den Start- und den Zielbahnhof ein – und die bestmögliche Verbindung wird angezeigt und kann gebucht werden. Es ist dabei ganz egal, ob diese Gesamtstrecke vollständig außerhalb Deutschlands liegt, ob man von Deutschland ins Ausland will, beispielsweise von München nach Zürich, oder ob Deutschland durchquert wird, wie auf der Strecke von Brüssel nach Wien. PIA berechnet die Verbindung automatisch und zeigt alle verfügbaren Wege in Europa an.

Seit Jahren gibt es einen internationalen Datenaustausch, der jeweils im September für den darauf folgenden Fahrplanwechsel im Dezember stattfindet. Dafür bereiten alle Bahnen ihre Grundtarifdaten wie Entfernungen, Abfahrt- und Zielbahnhöfe sowie die Preise auf. Diese Grunddaten werden heruntergeladen und in das jeweilige Vertriebssystem eingespielt. Mitarbeiter von DB Fernverkehr kombinieren aus diesen Daten Strecken- und Preisdaten der Länder sinnvoll miteinander. Doch insgesamt gibt es in ganz Europa etwa 100.000 Kombinationsmöglichkeiten der nationalen Strecken. Daraus entstanden vor Einführung der neuen Preisberechnung wiederum 8.000 internationale Relationen, die Reiseberater vor Ort am Schalter manuell für die passende Verbindung zuordnen mussten. Im selbstbedienten Verkauf, zum Beispiel auf bahn.de, konnten wiederum bisher nur noch 3.000 vordefinierte internationale Relationen angeboten werden. Dies änderte sich nun mit Einführung des Projekts.

Komplexität in allen Details

Doch das Thema ist nicht nur fachlich, sondern auch technisch sehr komplex, da die einzelnen Systeme des Vertriebs-Backend-Systems über die Jahre immer wieder erweitert und umgebaut wurden. Die Komplexität des PIA-Projekts wurde weiter erhöht, weil auch die Vertriebskanäle und die vor- und nachgelagerten Verfahren ebenfalls betroffen waren. Die DB Systel unterstützt dabei auf ganzer Breite: von der Projektführung über die Erstellung des fachlichen und technischen Konzepts, der Umsetzung, dem Systemtest bis zur Produktivsetzung. Auch im Betrieb, denn das Vertriebs-Backend wird bei DB Systel betriebsgeführt. Viele Berater und Entwickler beschäftigen sind schon seit Jahren mit Tarif-Themen.

Das Buchungssystem ist historisch gewachsen. Für Marko Kelsch von DB Fernverkehr ist daher auch der entscheidende Grund für die erfolgreiche Zusammenarbeit an diesem Projekt klar:

© DB Systel GmbH

Die erfahrenen Mitarbeiter, insbesondere von DB Systel, aber auch bei DB Vertrieb und DB Fernverkehr, begleiten das Thema schon sehr lange und haben es mit aufgebaut. Alle Beteiligten beherrschen die fachliche und technische Komplexität und wissen direkt, wenn wir eine Anforderung haben, an welcher Stelle dies umgesetzt werden muss.

Marko Kelsch, DB Fernverkehr

Projekt mit Geschichte

Bereits 2011 startete ein erstes Internationalisierungskonzept. Aus Kapazitätsgründen hatte man sich damals auf eigenwirtschaftliche Verkehre fokussiert, beispielsweise den ICE nach Brüssel oder den Hochgeschwindigkeitszug nach Frankreich. „Wir haben angefangen, die IT-Logik mit Inhalten und Daten zu füllen“, sagt Marko Kelsch. Mit der Entwicklung von PIA ging es 2014 los. Künftig sollte sowohl das eigene Angebot als auch das der fremden Bahnen abgebildet werden. Mit den 3.000 vordefinierten Relationen wurden bis zu 95 Prozent des Umsatzes gemacht. Die Fragestellung war: Was bedeutet es, wenn nicht nur diese Relationen, sondern die gesamten 100.000 Strecken abgebildet werden und sich dazwischen beliebige Kombinationen herstellen lassen? „Durch Wirtschaftlichkeitsrechnungen haben wir herausgefunden, dass es ein riesiges Potenzial gibt, da das System ohne Aufwand Strecken automatisch verknüpfen und verkaufen kann“, erklärt Marko Kelsch.

Nicht nur die große Vielzahl an möglichen Verbindungen war eine Hürde. Durch die Liberalisierung im Eisenbahnverkehr gibt es pro Staat nicht mehr nur eine Staatsbahn, sondern darüber hinaus oftmals mehrere Privatbahnen. Es mussten also innerhalb eines Landes verschiedene Beförderungsunternehmen abgebildet werden können. Und obwohl die verschiedenen Bahnen schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten, existieren unterschiedliche Philosophien. Bei der einen Bahn darf ein Kunde mit einem streckengebundenen Ticket jeden Zug auf einer Strecke nutzen. Andere bieten sogenannte Integrated Reservation Tickets. Damit wird nicht die Strecke, sondern ein Sitzplatz im Zug verkauft.

Umsetzung in mehreren Schritten

Ganz klar also, dass es nicht einfach möglich war, das gesamte Streckennetz Europas auf einmal abzubilden. Die Umsetzung musste Schritt für Schritt erfolgen. „Eine Fragestellung war: Welche Länder habe ich, und wo mache ich den meisten Umsatz?“, sagt Marko Kelsch. Das sind zuerst einmal Holland, Belgien und die Schweiz, also Länder mit viel Verkehr. Die Staatsbahnen dieser Länder verkaufen zudem ihre internationalen Fahrkarten über das System der Deutschen Bahn. Und sie sind strukturell sehr weit und haben schon viele internationale vereinbarte Anforderungen umgesetzt.

Tickets für Strecken quer durch Europa können für die ersten Länder schon jetzt online gebucht werden

© Deutsche Bahn AG

Bereits seit Juni 2016 sorgt die zukunftsfähige Vertriebslösung PIA durch die Verknüpfung von Eisenbahn-Verkehrsnetzen und einer durchgängigen Ticketerstellung auf vielen Strecken für mehr Flexibilität bei der Kombination von Reiseketten. Die verschiedenen Bahnen der Niederlande, Belgien, Luxemburg und der Schweiz sind seit dem Start dabei, im Oktober kamen Tschechien, Österreich und Dänemark dazu. Bis Ende 2017, zum Abschluss des Projekts, folgen noch Frankreich, Italien, Schweden, Norwegen, Polen, Slowenien, Ungarn, Slowakei und Kroatien. Mit diesen 16 Ländern ist ein Großteil des wichtigen Markts mit PIA abgedeckt – was eine deutliche Verbesserung des personen- und selbstbedienten Verkaufs zur Folge hat.

Langfristiges Ziel ist es, irgendwann möglichst alle Länder Europas abdecken zu können. „Dann können wir theoretisch eine Fahrt von Paris nach Moskau verkaufen – in einem Ticket“, sagt Marko Kelsch.