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Von Industrie 4.0 zu Arbeit 4.0

Technik verändert unsere Arbeit

07/2017 – Technologische Entwicklungen führen immer wieder zu grundsätzlich anderen Arbeitsweisen und –formen. Aktuelle Trends wie „neue Arbeitswelten“, „digitaler Wandel“ oder „Augenhöhe“ werden unter dem Begriff „Arbeit 4.0“ zusammengefasst. Beginnend mit diesem Artikel bietet digital spirit eine Orientierung in diesem Themenfeld an und zeigt konkrete Beispiele im Bahnumfeld auf.

Als vor Jahren das Internet „interaktiv“ wurde und auch der Nutzer Inhalte in das bis dato statische Netz einstellen konnte, sprach man vom „Internet 2.0“ oder auch „Web 2.0“. Diese Art der Nummerierung für technologische Veränderungen setzt sich bis heute fort. Wenn man heute von „Arbeit 4.0“ spricht, dann muss man sich vor Augen halten, wodurch die „vorherigen Versionen“ von Arbeit entstanden: meist durch grundsätzliche technische und infolgedessen gesellschaftliche Änderungen.

Geschichte der Arbeit oder warum wir inzwischen durchnummerieren

Mit der ersten industriellen Revolution änderte sich nicht nur die Technik, sondern auch die Organisation der Arbeit: Arbeit 1.0 entstand zusammen mit der Einführung von Gewerkschaften.

Die Entdeckung der Elektrizität Ende des 19. Jahrhunderts und ihre industrielle Nutzung führte zur zweiten industriellen Revolution und mit der Erfindung des Fließbands zur arbeitsteiligen Massenproduktion. Durch die zunehmenden sozialen Probleme im Fabrikumfeld wurde der Druck der organisierten Arbeiterschaft immer höher und führte letztendlich zur Einführung der ersten Sozialversicherungen in Deutschland. Das markierte den Beginn von Arbeit 2.0.

Nach dem Krieg und dem beginnenden Wirtschaftswunder wurden neue Ansprüche der Arbeiter laut: So kam es durch das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft zur Konsolidierung des Sozialstaates und der Arbeitnehmerrechte, wie wir sie bis heute kennen: Arbeit 3.0. In diesem Umfeld fand in den 80er-Jahren auch die dritte industrielle Revolution statt: die Nutzung von Computern in der Arbeitswelt.

Bei der vierten, zurzeit laufenden industriellen Revolution steckt die Veränderung in der immer tiefergehenden Verknüpfung von Produkten und Prozessen über das Internet. Vergleichbar mit sozialen Netzwerken tauschen intelligente Maschinen und Fertigungsteile untereinander und mit Menschen Informationen aus, um sich selbstständig zu organisieren und Abläufe und Termine zu koordinieren.

Die Digitalisierung und der digitale Wandel ermöglichen neue Formen der Kommunikation, Zusammenarbeit und Wertschöpfung. Gleichzeitig entstehen Ansprüche aus diesen neuen Möglichkeiten. Diese Zusammenhänge werden – angelehnt an den Begriff „Industrie 4.0“ – als Arbeit 4.0 bezeichnet.

Gesellschaftlicher und bahninterner Blick auf „Arbeit 4.0“

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Thema Arbeiten 4.0 beschäftigt. Die Deutsche Bahn gestaltet den digitalen Wandel ebenfalls aktiv mit. Die Bahn benötigt allerdings Antworten auf die Fragen, die ganz konkret die DB betreffen. Denn die Transport- und Logistikbranche – und damit die Deutsche Bahn – verändert sich durch die Digitalisierung massiv. Deswegen sind die  Arbeitsfelder der Digitalisierung der Bahn konkret auf die Bedürfnisse unserer Kunden ausgerichtet. Was bedeutet es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DB, wenn die Technik autonomer wird und damit Ressourcen für mehr Service frei werden? Was heißt es für die Logistik, wenn in Zukunft per 3-D-Drucker vor Ort hergestellt wird? Was heißt es für Mitbestimmung und Tarifverträge? Was heißt es für die Ausbildung, wenn durch Datenbrillen Wissen im Berufsalltag an Relevanz verliert?

Am Anfang des Prozesses bei der Deutschen Bahn standen sechs „4.0“-Initiativen analog der Geschäfte (Logistik, Mobilität und Infrastruktur) und der wichtigsten Querschnittsfunktionen (Produktion, IT und Arbeitswelten). Daraus sind zahlreiche Labs wie das d.lab, das Skydeck oder die DB mindbox sowie viele neue Projekte und konkrete Produkte hervorgegangen.

Zukünftig treibt die DB den digitalen Wandel in drei Arbeitsfeldern voran, die in folgender Tabelle den acht Themenräumen des Arbeitsministeriums gegenübergestellt sind.

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Viele der Themenräume des Bundesministeriums finden sich in den drei Arbeitsfeldern wieder, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Dieser und die noch folgenden Artikel zeigen auf, wie die Themen verknüpft sind,  und wie die Kunden der DB Systel von diesen Änderungen profitieren.

Digitaler Wandel für neue Kundenangebote

Neue Technologien – zusammengefasst unter dem Begriff „Industrie 4.0“ – verändern die Art und die Geschwindigkeit der Arbeit. Zum Beispiel ist es durch das „Internet of Things (IoT)“ möglich, dass sich Aufzüge oder Rolltreppen melden, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren. Dadurch ändern sich die Abläufe der Arbeit, denn es müssen keine Kontrollgänge zur Funktionssicherung mehr durchgeführt werden, und man kann – ohne auf eine Kundenbeschwerde zu warten – zeitnah die Störung beheben. Zukünftig wird es vernetzte Triebfahrzeuge und Güterwagen geben, bei denen durch Sensoren nicht nur die Position bestimmt werden kann, sondern auch elektronisch abgeschätzt wird, wann die nächste Wartung fällig ist. Dafür stellt die DB Systel eine Plattform für Maschinendaten zur Verfügung: Dort werden für und mit dem Kunden Systemdaten aus den unterschiedlichsten Quellen gespeichert und in Echtzeit bewertet. Generell ist natürlich „Big Data“, also das Sammeln, Analysieren und Verwerten großer Datenmengen, ein weiterer Begriff in dem Kontext „Digitaler Wandel“. Mit neuen Verarbeitungsmöglichkeiten der Daten werden gleichzeitig neue datenbasierter Geschäftsmodelle innerhalb der Deutschen Bahn entwickelt.

Neue Formen der Arbeit

Neue Technologien ermöglichen neue Formen der Art, wie wir zusammenarbeiten. Durch die verschlüsselte Speicherung der Daten in der Cloud bei DB Office 365 ist es zum Beispiel recht einfach, zur gleichen Zeit gemeinsam an einem Dokument zu arbeiten – ob man nun im Büro ist, gerade mit dem ICE unterwegs ist oder bei den Kunden vor Ort arbeitet. Durch die Nutzung von Tablets der DB Systel sind Triebfahrzeugführer der Deutschen Bahn heute unabhängiger und erhalten etwa Fahrplananordnungen in digitaler Form. Inzwischen sind auch neue Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle bei der Bahn in der Diskussion, und erste Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge dazu sind geschlossen. Die Nutzung sozialer Medien im Unternehmenskontext – auch Social Intranets genannt – bringt die Mitarbeiter enger zusammen und vernetzt Kolleginnen und Kollegen konzernweit. Bei der Entwicklung von neuen Ideen setzt die Innovationsschmiede der DB Systel, das Skydeck, mit Kreativmethoden wie aus Design Thinking viele neue Impulse. Mitarbeiter opfern sogar freiwillig Zeit am Wochenende, um an Hackathons teilzunehmen oder neben ihren Hauptaufgaben ihre Ideen im Skydeck Accelerator Programm zur Marktreife zu bringen.

Augenhöhe und Selbstorganisation

Im Bereich der Softwareentwicklung ist das alte Wasserfallprinzip schon ein Auslaufmodell. Mit agilen Methoden, also der iterativen Annäherung an ein gewünschtes Ergebnis, sind schnellere und besser auf den Kunden abgestimmte Entwicklungen möglich. Ein weiteres Kernelement der agilen Entwicklung ist die Selbstorganisation der Teams. Auch andere Bereiche entdecken die Vorteile dieser Art der Zusammenarbeit. Die DB Systel ist von der Wirksamkeit dieser Methoden überzeugt und möchte bis Ende 2018 die Hälfte ihrer 3.600 Mitarbeiter in selbst organisierten Teams arbeiten lassen. Bei dieser Transformation sind auch Personalabteilung und Betriebsrat wichtige Partner der Veränderung. Stichworte wie Augenhöhe, Management 3.0 oder auch Holokratie sind für die DB Systel nicht nur Begriffe, sondern werden aktiv für die Gestaltung der neuen Arbeitswelt für größere Nähe zum Kunden, einer intensiveren Zusammenarbeit und damit zu seinem Nutzen eingesetzt.

Bildung

Neue Technologien ermöglichen aber auch neue Formen des Lernens und Lehrens. So ist Virtual Reality (VR) – also das Eintauchen in eine digitale Realität – bei der Deutschen Bahn kein reines Visualisierungswerkzeug für Ingenieure, sondern wird etwa mit EVE (Engaging Virtual Education) auch aktiv zur Ausbildung von Triebfahrzeugführern genutzt. Auch neue Formen des gemeinschaftlichen Lernens, wie „Pair Programming“ bei der Softwareentwicklung oder auch das auf der „Open Space“-Methode basierende Veranstaltungsformat „Barcamp“, werden bei der DB Systel erfolgreich eingesetzt. Für die Weiterbildung sind mittlerweile digitale Formate wie Webcasts oder „Blended Learning“ nicht mehr aus dem Alltag der Personalentwicklung wegzudenken.

Für jeden der kurz angerissenen Themengebiete werden in den kommenden Ausgaben von digital spirit ausführliche Artikel erscheinen, die vor dem Hintergrund des Themas „Arbeit 4.0“ die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die tägliche Arbeit behandeln, aber auch auf Veränderungen der Beziehung zwischen Dienstleister und Kunde eingehen.