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Mehr als Big Brother

Wie Videoanalyse verbesserte Services ermöglicht

07/2017 – Die automatische Auswertung von Videoinhalten kann Schneefall an Bahnhöfen oder offene Zugtüren erkennen. Doch es gibt noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten von Kameratechnik und intelligenter Bilderkennung für die Bahn und ihre Partner, um äußere Bedingungen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Immer noch ein Unsicherheitsfaktor: Häufig kann man sich einfach nicht auf die Wetterprognose verlassen. Da heißt es, dass es nicht schneien wird – und dann ist es plötzlich doch überall weiß. Schon für Privatpersonen ist dieses Szenario ärgerlich. Aber für Unternehmen wie die Deutsche Bahn kann dies darüber hinaus auch sehr teuer werden – schließlich müssen in solchen Fällen möglicherweise kurzfristig Räumdienste aktiviert werden.

Dank moderner Kameratechnologie und intelligenter Bilderkennung ist dies aber künftig Schnee von gestern: Mit der Videoanalyse sollen nahezu in Echtzeit die aktuellen Bedingungen ausgewertet – und bei Bedarf automatisch und zeitnah entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Als ersten Schritt dafür hat DB Services gemeinsam mit der DB Station&Service im vergangenen Jahr an 22 Testbahnhöfen Wetterkameras installiert, die im 15-Minuten-Takt Bilder von einem festgelegten Bereich aufzeichnen und automatisch per Mobilfunk an die Winterdienstzentrale senden. Der Winterdienst-Manager hat so neben den reinen Wetterdaten noch optische Eindrücke zur aktuellen Situation und kann entsprechend Prozesse auslösen. Allerdings wurden die Bilder bislang von Mitarbeitern ausgewertet: Die schauten dabei nicht nur nach Schnee, sondern löschten aus Datenschutzgründen manuell alle Aufnahmen, auf denen Personen abgebildet wurden.

Tausende Bilder am Tag

Schon bei den 22 eingesetzten Kameras wurden pro Tag mehr als 2.000 Bilder übertragen. Perspektivisch sollen bis zum kommenden Winter etwa 200 Stationen mit Kameras ausgestattet werden. Da wird schnell klar, dass eine technische Unterstützung sinnvoll ist. Hierbei unterstützen das Big-Data-Start-up ZERO.ONE.DATA und weitere Experten der DB Systel. Damit wetterbedingte Veränderungen allerdings maschinell erkannt werden können, musste eine von DB Systel selbst entwickelte Software trainiert werden, alle übermittelten Bilder auszuwerten. Test-Bilddaten aus dem vergangenen Winter halfen dem System, Schnee eindeutig zu identifizieren. Gleichzeitig musste das System auf den Bildern Personen erkennen und diese dauerhaft unkenntlich machen. Die Trefferquote bei den ersten Tests mit historischem Material lag bereits bei 95 Prozent – ein Wert, der im Live-Betrieb noch übertroffen werden soll. In einer späteren Ausbaustufe soll dann bei erkanntem Schneefall der Auftrag zur Räumung an den Dienstleister automatisiert ausgelöst werden. Weiterhin kann die Software so selbsttätig prüfen, ob die Schneebeseitigung im vereinbarten Zeitfenster erfolgte.

Video: © DB Systel

Technik mit viel Potenzial

Neben dem Einsatz von Videoanalyse bei Wetterkameras gibt es aber noch viele weitere mögliche Use Cases: Bei DB Station&Service werden derzeit mehr als 80 Millionen Euro in den Ausbau und die Modernisierung der Videotechnik investiert. Diese Kameras können dann auch zur Sperrbereichsüberwachung, Laufwegeverfolgung, Personenzählung und der Analyse von Personenströmen verwendet werden. Aber sie können auch abgestellte Gepäckstücke ausfindig machen: Wird beispielsweise ein alleinstehender Koffer erkannt, könnte das Sicherheitspersonal künftig automatisch und damit viel schneller darauf hingewiesen werden.

Im Zusammenspiel mit den Kameras in Zügen kann dann durch eine Erkennung von aggressivem Verhalten auch die Sicherheit für unsere Endkunden weiter erhöht werden. Bei Außenanlagen, zum Beispiel bei DB Energie oder DB Netz, ist die kamerabasierte Ortung von Rostschäden interessant. Bei DB Netz könnte die Analyse per Kamera beispielsweise bei der Lichtraumüberwachung und Infrastrukturdokumentation zum Einsatz kommen. Bei DB Cargo kann die Videoanalyse bei der Erkennung von Schäden an Wagen und Containern unterstützen oder Wagennummern ermitteln.

Großes Potenzial und viele Ideen

Generell kann das Material für eine Videoanalyse also aus ganz unterschiedlichen Quellen stammen, um eine automatisierte Unterstützung der Geschäftsprozesse und Auswertung selbst großer Bilddatenmengen leisten zu können. DB Systel arbeitet vorausschauend an weiteren Anwendungen und Services, für die noch nicht mal Kameras installiert werden müssen: Auch mit Smartphone-Kameras ist mehr Service erreichbar. So entwickelte das Mobile Team gerade den Prototypen einer Apple iOS-App, mit der sehbehinderte Fahrgäste offene und geschlossene Türen eines ICE erkennen können: Geht der Nutzer auf dem Bahnsteig am ICE vorbei und hält währenddessen die Smartphone-Kamera in Richtung des Zugs, gibt die App bei einer offenen Tür ein Signal.

Video: © DB Systel

Künftig sind weitere Funktionen denkbar, zum Beispiel das automatische Erkennen der Zugnummer oder des reservierten Platzes. Eine Technik, die von Kunden auch für eigene Apps lizenziert werden kann. Für Ellen Engel-Kuhn, Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten bei DB Vertrieb, ein wichtiger Schritt: „Der sogenannte Türfinder – oder ein künftig mögliches Erkennen der Zugnummer oder des reservierten Platzes – würde blinden und sehbehinderten Reisenden eine selbstbestimmtere Mobilität ermöglichen und ihnen das Reisen deutlich komfortabler gestalten.“

Doch ganz egal, wo Videoanalyse zum Einsatz kommt: Durch die Erkennung definierter Szenarien und kürzerer Reaktionszeiten werden Betriebsprozesse maßgeschneidert unterstützt und optimiert.

Den Beitrag zu intelligenter Videoanalyse am Beispiel „Der Türöffner“ können Sie auch in einer Version für Sehbehinderte anschauen und anhören:

Video: © DB Systel