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Interview

Die Zukunft liegt in der Cloud

10/2020 – Die Deutsche Bahn (DB) hat in den letzten dreieinhalb Jahren ihre IT aus dem konzerneigenen Rechenzentrum in die Cloud verlagert. Mehrere hundert Anwendungen, darunter etwa das Ticketvertriebssystem oder eine der größten SAP-Landschaften Europas, wurden im laufenden Betrieb migriert. Jetzt ist eines der größten IT-Projekte der Bahn in Rekordzeit zwei Jahre früher als geplant abgeschlossen. Was bringt die Cloud der Bahn, Christa Koenen? Vier Fragen an die IT-Chefin zur Cloud-First-Strategie.

Frau Koenen, warum hat sich die Bahn für „Cloud First“ entschieden?
Die Bahn ist das Rückgrat der klimafreundlichen Mobilität in Deutschland. Wir befördern täglich Millionen Menschen von A nach B. Für einen verlässlichen Bahnbetrieb brauchen wir eine hochverfügbare und flexible, eine „elastische“ IT. Die Cloud-Architektur legt den Grundstein dafür: IT-Ressourcen, die sich schnell und dynamisch anpassen lassen, zum Beispiel die Rechenleistung. Zudem sind wir deutlich schneller. Wir können Software-Releases und IT-Infrastruktur jetzt in kürzester Zeit bereitstellen. Aber es geht um mehr als den IT-Betrieb: Ziel ist, digitale Innovationen schnell nutzbar zu machen – seien es Künstliche Intelligenz oder Plattformtechnologien. Der konsequente Cloud-Ansatz versetzt uns in die Lage, unmittelbar auf neueste Entwicklungen zu reagieren und damit verbundene Vorteile zu nutzen: mehr Flexibilität, Performance und State-of-the-Art-Technologie.

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Für einen verlässlichen Bahnbetrieb brauchen wir eine hochverfügbare und flexible, eine „elastische“ IT.

Christa Koenen, Vorsitzende der Geschäftsführung DB Systel GmbH / CIO DB AG

Was haben die Reisenden von der Cloud?
Angenommen es gibt eine neue Sparpreisaktion. Das heißt, der Traffic auf bahn.de und im DB Navigator steigt schlagartig an, weil Kunden günstige Tickets kaufen wollen. Über die Cloud passt sich bei steigender Last die Kapazität unseres Vertriebssystems in Echtzeit automatisiert an. Wir können in Sekundenschnelle so viel zusätzliche Rechenkapazität schaffen wie nötig. Die Reisenden profitieren, weil die Systeme auch unter extremer Last verlässlich laufen. Das ist gerade auch bei unvorhergesehenen Ereignissen wie Störungen oder Unwettern enorm wichtig. Das Informationsbedürfnis wächst sprunghaft und damit die Zugriffe auf die Fahrplanauskunft. Gleichzeitig profitieren die Reisenden auch von der schnelleren Integration neuester Entwicklungen und Services, beispielsweise neuer Bezahldienste.

Wie geht es nach der erfolgreichen Cloud-Migration weiter?
Die Migration ist der erste Schritt. Es geht jetzt weiter in Richtung „Cloud Only“. Cloud-Services sind die Basis für alle unsere aktuellen und zukünftigen Anwendungen. Künftig entwickeln wir auch in der Cloud. Zudem ändern wir auch unsere Organisationsstruktur, um bedarfsgerechter und deutlich schneller zu liefern. Stichwort DevOps. Dahinter verbirgt sich ein in der IT weit verbreiteter Ansatz für eine effizientere Zusammenarbeit aller an der Softwareentwicklung beteiligten Bereiche. Auf Basis der Cloud-Infrastruktur bauen wir auf Technologieplattformen sogenannte höherwertige Services auf: KI, IoT, Data Lakes. Diese können flexibel im Konzern genutzt werden. Damit stellen wir die Weichen für mehr Schnelligkeit und sorgen gleichzeitig dafür, dass unsere Standards – Qualität, Sicherheit, Compliance – gesichert sind.

Wofür steht IT in der Zukunft?
Die DB hat sich bereits 2016 dafür entschieden, das eigene Rechenzentrum zu verkaufen und komplett in die Cloud umzuziehen. Diese Entscheidung war damals mutig und innovativ. Das gilt auch heute noch: Wir haben in Sachen Cloud nach wie vor eine Vorreiterrolle unter den deutschen Konzernen inne. Es ging dabei immer um mehr als den reinen IT-Betrieb, nämlich darum, der Digitalisierung der Bahn weiter Schub zu verleihen. Die Umstellung auf die Cloud markiert auch den Wandel der Rolle der DB Systel. Wir wollen uns auf die Unterstützung des Kerngeschäfts der Bahn fokussieren. Unsere Partner Amazon Web Services und Microsoft Azure sind Experten für IT-Infrastrukturleistungen. Wir sind Experten für die Bahn und Digitalisierung. Langfristig wollen wir die Komplexität der IT für die Mitarbeitenden in den Fachabteilungen soweit reduzieren, dass sie auch ohne ausgeprägtes IT-Know-How, zum Beispiel Programmierkenntnisse, kundenorientierte Lösungen aus einer Art standardisiertem Baukasten heraus selbst bauen können und sich so IT immer mehr mit dem Business verbindet. Die Rolle der IT entwickelt sich also vom Anbieter zum Integrator und Business-Enabler.