© AdobeStock / EdNurg

Umfassendere Informationen für Disponenten

Für die beste Entscheidung

11/2018 – Das Projekt KIRA ermöglicht schnellere Reaktionszeiten für Disponenten mithilfe einer neuen Art der Softwareentwicklung und zeigt damit schnelle und wertvolle Erfolge.

Die Arbeit der Disponenten bei DB Fernverkehr ist anspruchsvoll: im Problemfall den Überblick behalten, bei Zugausfällen oder Verspätungen Lösungen für die Reisenden finden und umsetzen – damit DB-Kunden optimal weiterreisen können. Das geht am besten mit fundierten Kenntnissen über die Situation der Reisenden im Zug. Wie das Projekt KIRA die notwendigen Informationen jetzt auf Grundlage einer neuartigen Software den Disponenten zur Verfügung stellt, verraten Dr. Felix-Sebastian Scholzen, fachlicher Projektleiter von DB Fernverkehr, Dr. Kai-Uwe Götzelt, technischer Projektleiter von DB Fernverkehr, sowie Wolfgang Harbach, Leiter des Solutions Center der DB Systel, jetzt im Interview mit digital spirit.

Was verbirgt sich hinter dem Projektnamen KIRA?

Dr. Felix-Sebastian Scholzen, fachlicher Projektleiter, DB Fernverkehr
© DB Fernverkehr AG

FELIX-SEBASTIAN SCHOLZEN: Ein überaus vielversprechendes Projekt, die Disposition bei DB Fernverkehr optimal weiterzuentwickeln. KIRA steht für „Kunden informieren und Reiseketten absichern“. Es will den Disponenten wichtige Informationen über die Reisenden im Zug liefern, die heute nur schwer zu beschaffen sind: Wie voll ist der Zug, welche Fahrgäste sind betroffen, woher kommen sie, wohin wollen sie? Diese Fakten liefert KIRA schnell und einfach, damit der Disponent die beste Entscheidung im Rahmen des betrieblich Machbaren treffen kann.

Woher kommen die Informationen?
FELIX-SEBASTIAN SCHOLZEN: Die Daten werden auf Basis der gekauften Tickets generiert. Und es gibt eine modellierte Komponente, um abzuschätzen, wie viele Zeitkarten-Besitzer oder Besitzer von Rail&Fly Tickets sich im Zug befinden. Dazu stehen uns Modelle aus Befragungen zur Verfügung.

Warum entschied sich DB Fernverkehr, die Software von DB Systel entwickeln zu lassen?
FELIX-SEBASTIAN SCHOLZEN: Wir hätten natürlich auch nach einer fertigen Software am Markt suchen können oder sie ganz klassisch extern in Auftrag geben können, jedoch wäre hier die Einflussnahme auf das Produkt gering gewesen. Dann hätten wir aber nach einem Jahr ein Produkt in die Hand gedrückt bekommen, von dem wir nicht wüssten, ob es wirklich funktioniert. So wollten wir das nicht haben.

Dr. Kai-Uwe Götzelt, technischer Projektleiter, DB Fernverkehr
© DB Fernverkehr AG

KAI-UWE GÖTZELT: Genau. Für uns stand von vornherein fest: Wenn die Software ein Erfolg werden soll, müssen wir sehr schnell in kurzen Iterationen Ergebnisse erzielen und die Nutzer von Anfang an in die Entwicklung einbinden. Da stießen wir schnell auf Wolfgang Harbach und sein Team. Es hatte alles, worauf wir Wert legen: ein agil und nutzerzentriert arbeitendes Team, die technische Infrastruktur sowie eine neue Software, den smart application builder, der nach dem Baukastenprinzip funktioniert. Auch die Entwicklungsgeschwindigkeit sprach uns sehr an.

Nutzerzentrierung – was ist darunter zu verstehen?
KAI-UWE GÖTZELT: Nutzerzentriert heißt, dass die Nutzer in den Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses gestellt werden. Beispielsweise haben wir die Disponenten an ihrem Arbeitsplatz besucht, um die Arbeitsabläufe besser zu verstehen. Wir haben sie zu konkreten Fragestellungen interviewt und mit ihnen gemeinsam die Entwürfe für neue Funktionalitäten sowie die Umsetzung in der Software evaluiert. Das unterscheidet KIRA von anderen größeren IT-Projekten der Vergangenheit.

Und was heißt agil?
FELIX-SEBASTIAN SCHOLZEN: Agil heißt, dass sich KIRA dynamisch stetig weiterentwickelt, über kurze Feedbackschleifen. Das Vorgehen verläuft immer nach dem Prinzip Inspect and Adapt. Das heißt: Zunächst die Bedürfnisse der Nutzer verstehen, dann Lösungen generieren, anschließend wieder mithilfe von User-Experience-Methoden die Software verbessern und so fort.

Wolfgang Harbach, Leiter des Solutions Center, DB Systel
© DB Systel GmbH

WOLFGANG HARBACH: Ab Mai 2018 haben wir darum zunächst alle 14 Tage unterstützende Kreativworkshops mit Disponenten gemacht. In einem weiteren Schritt wurden die ersten Papierentwürfe der Software, sogenannte Wireframes, erstellt. Diese wurden iterativ weiter verfeinert und anschließend in der Softwareentwicklung umgesetzt. Eine ausgewählte Benutzergruppe nutzt den jeweils aktuellen Stand der Anwendung an ihrem Arbeitsplatz. Wir schauen dann, wie die Software angewendet wird und wo nachgebessert werden muss. Ziel ist eine intuitive Nutzung.

KAI-UWE GÖTZELT: Darum waren auch nicht immer dieselben Disponenten dabei. Wir wollen schließlich unterschiedliche Erfahrungshorizonte und Anspruchsgruppen dabeihaben, mit jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen an die Software.

Wie kam Ihr Vorgehen bei den Disponenten an?
KAI-UWE GÖTZELT: Die Kollegen fanden das gut. Es gefiel ihnen, dass sie in die Softwareentwicklung eingebunden wurden. Prima kam auch an, dass wir sehr schnell Softwarepakete ausliefern: Schon zwei Wochen nach einem Workshop sind neue Funktionalitäten sichtbar.

Welche Rolle spielte der smart application builder dabei?
WOLFGANG HARBACH: Eine durchaus wichtige. Es ist ja ein Konzept zur Anwendungsentwicklung, das hervorragend zu agilen Methoden passt. Da ist zum einen die Schnelligkeit: Wir starten die Umsetzung vom ersten Tag an mit einer bereits lauffähigen Software in der Cloud. Dann das individuell nutzbare Baukastenprinzip: Einmal entwickelte Komponenten können als fertige Softwarebausteine wiederverwendet und beliebig kombiniert werden. Und die dritte Säule ist die vollständige Automation wichtiger IT-Prozesse, beispielsweise Lieferung, Betrieb, Versionierung und Test.

Welche konkreten Vorteile haben sich dadurch ergeben?
Auf dieser Basis schaffen wir es, die Skaleneffekte von Produkten mit der Flexibilität von Individualentwicklung zu kombinieren. Dadurch lassen sich in sehr kurzer Zeit effektiv Ergebnisse für den Kunden generieren. Und das bringt ihm hinsichtlich Time-to-Market wertvolle Vorteile. Es ist schlichtweg eine neue Art der Softwareentwicklung.

Und welche Rolle spielte hier die Teamarbeit?
KAI-UWE GÖTZELT: Agiles Vorgehen funktioniert am besten in einem partnerschaftlichen Team ohne Grenzen hinsichtlich Informationsfluss und Kommunikation. Uns ist dann auch schnell klar geworden, dass wir an einem Ort eng beieinandersitzen müssen, damit sich Product Owner, Fachexperten und Umsetzungsteam gut abstimmen können.

WOLFGANG HARBACH: Wenn Sie in den Teambereich von KIRA bei DB Systel kommen, werden Sie nicht unterscheiden können, wer dort die Entwickler sind, die Fachexperten oder der Product Owner. Das ist ein Team. Eine agile Teamarbeit in Kombination mit einer flexiblen individualisierbaren Software, die schnell Ergebnisse bringt, ist der Schlüssel zum Erfolg. Und das KIRA-Projekt bestätigt dies allen Beteiligten in hervorragender Weise.

Wie unterscheidet sich die Software denn von Small Solutions und dem Business Hub?
WOLFGANG HARBACH: Small Solutions stellt über Standardkomponenten eine schnelle Produktlösung bereit und eignet sich eher für kleine, einfache Anwendungen. Der Business Hub wiederum ist eine wichtige Plattform, über die Anbieter Funktionen und Daten über APIs als Service sowohl im Konzern als auch externen Nutzern per Selfservice bereitstellen können. Für KIRA kann es aus zwei Richtungen interessant werden. Nämlich dann, wenn man bereits bestehende Services auf dem Business Hub direkt nutzen kann oder auch einen von KIRA entwickelten Service über eine API veröffentlicht.

Dann ist der smart application builder also für umfangreichere Anwendungen ideal.
KAI-UWE GÖTZELT: Richtig. Noch ist KIRA relativ einfach, es wird in der Endstufe aber eine komplexe Anwendung – individuell einsetzbar, mit einer modernen Microservice-Architektur versehen und einer Infrastruktur, die KIRA zukunftssicher macht.

Was werden die nächsten wichtigen Schritte Ihres Projektes sein?
FELIX-SEBASTIAN SCHOLZEN: Wir werden nun den Nutzerkreis erweitern. Die Entwicklung geht jetzt in zwei Richtungen: bessere Datenqualität und mehr Funktionalität in der Anwendung. Wir werden entdecken, wie sich die Anwendung unter Last verhält. KIRA verspricht immer besser zu werden, je weiter es ausgebaut wird. Eine spannende Entwicklung.