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Mobile Kasse im Fernverkehr

Gemeinsam zur Zahlungsvielfalt

07/2020 – Die mobile Kasse, kurz MoKa, ist weit mehr als nur ein neues Kassensystem im Bordrestaurant: Sie ist ein eindrucksvolles Beispiel für die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit verteilter Entwicklungs- und Betriebsteams. Gerade in der aktuellen Pandemie-Zeit ist die MoKa mit Blick auf die bargeldlose Zahlung besonders relevant.

Die beste fahrende Gastronomie geht einen weiteren Schritt in Richtung Zukunft. Der Fernverkehr bietet den Gästen eine noch komfortablere Reise in den Zügen, denn ab sofort können diese in den Bordrestaurants auch mit gängigen Zahlungsmitteln bargeldlos zahlen. Bisher funktionierte die Zahlung von Speisen und Getränken nur über die festverbauten, stationären Kassen und dort nur mit Bargeld oder Kreditkarte. Der auslaufende Wartungsvertrag mit dem Hersteller des bisherigen Kassensystems war für DB Fernverkehr der perfekte Zeitpunkt, um mit der mobilen Kasse (MoKa) in Zusammenarbeit mit dem Anbieter Zucchetti ein zukunftsfähiges System in die Züge zu bringen. Seit Mitte März 2020 sind alle alten Kassen durch die MoKa ersetzt. Seitdem tragen die Bahn-Mitarbeiter ein Kartenlesegerät bei sich und müssen für die Bezahlvorgänge nicht mehr zu einer fest installierten Kasse im Speisewagen gehen, und die Fahrgäste können nun deutlich komfortabler bargeldlos zahlen.

Die MoKa wird kontinuierlich verbessert und weiterentwickelt. Schon jetzt können die Kolleginnen und Kollegen an Bord dem Fahrgast direkt am Platz das verfügbare Angebot, ob Getränke oder Speisen, anbieten und die Bestellung aufnehmen, was dem Personal viele unnötige Wege erspart.

Die mobile Kasse im Einsatz

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Die Lösung, die mit und für den Fachbereich Bordservice erarbeitet wurde, ersetzte die insgesamt 600 stationären Kassen durch 3.000 mobile Kassen, die sich auf den mobilen Endgeräten der Mitarbeiter befinden. Es handelt sich dabei um eine App, die in Verbindung mit einem Kartenlesegerät die Zahlung auch per EC-Karte, Apple Pay oder Google Pay ermöglicht. So weit, so normal. Doch die Komplexität dahinter ist gewaltig und für Fahrgäste unsichtbar. Ein fahrendes Restaurant unterscheidet sich deutlich von einem stationären Lokal; an Land gibt es zum Beispiel kaum Probleme, sich über Funk- oder Festnetze mit den eigenen Servern oder den Systemen der Zahlungsdienstleister zu verbinden. In einem Zug ist es dagegen bei Geschwindigkeiten von bis zu 320 km/h kaum möglich, eine permanente Zug-Land-Verbindung aufrechtzuerhalten. Das kann an vielen Faktoren liegen, zum Beispiel am Übergang zwischen den Funkzellen, die der Zug während der Fahrt passiert, an schwacher Netzabdeckung entlang der Strecke, an Grenzübertritten oder manchmal auch einfach nur am Wetter.

Gemeinsam zum Erfolg

Bei der Entwicklung der MoKa wurde nicht nur auf agile Arbeitsmethoden gesetzt, sie ist vor allem ein sehr guter Anfang für das neue Wirgefühl bei der Deutschen Bahn, in diesem Projekt speziell vom DB Fernverkehr und DB Systel. Vereinfacht lässt sich die Zusammenarbeit an vier Beispielen verdeutlichen.

1. Neue Standards für mehr Mobilität

Die Installation von Apps auf dienstliche Smartphones und Tablets gehört bei DB Systel inzwischen zum Tagesgeschäft, dennoch stand das Team bei der MoKa-App vor neuen Herausforderungen. So war es eine Aufgabe, die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der App zum richtigen Zeitpunkt gezielt auf den mobilen Geräten all jener Mitarbeiter verfügbar zu machen, die an Entwicklung, Beta-Testing und Pilotierung beteiligt waren. Für Schulungen wurden wiederum spezielle Versionen der App an die Mitarbeiter von DB Fernverkehr verteilt, mit der sie fiktive Buchungs- und Bezahlvorgänge vornehmen können. Das EMM-System (Enterprise Mobility Management) der DB Systel sorgt dafür, dass die App und spätere Updates vollautomatisch auf den mobilen Geräten der entsprechenden Mitarbeiter installiert werden.

Eine Standardlösung passte nicht, stattdessen waren ein flexibles Vorgehen und neue Lösungen gefragt. Inzwischen helfen uns die gesammelten Erfahrungen sowie neu definierte Standards und Prozesse auch beim Umgang mit anderen Apps.

Julian Beyer, Team mOps in der Einheit MBS (Mobile Business Services bei DB Systel)

Inzwischen ist die App bei rund 3.000 Gastronomiemitarbeitern täglich im Einsatz, der sukzessive Rollout auf die Geräte aller 4.000 Zugbegleiter ist geplant.

Heinz Gielnik, IT-Management Material bei DB Fernverkehr AG

2. Test und Konzept der mobilen Applikation

Für die Konzeption und das Testmanagement der mobilen Applikation wurde ein agiles Team von Kollegen der DB Systel, der DB Fernverkehr und des IT-Partners Zucchetti gebildet. Durch die enge Zusammenarbeit wurden auch Ressourcenengpässe beseitigt und Testzyklen verkürzt. Rund 1.500 Testfälle hat das Team erstellt, häufig schon vor der Entwicklung. Das gab genügend Zeit, die Testergebnisse gegenseitig zu überprüfen. So fielen zum Beispiel Lücken in der Konzeption auf. Der Fachbereich konnte bei der Abnahme der Testfälle direkt weitere Szenarien ergänzen.

Unsere Arbeitsweise sorgte für Transparenz. Man hatte niemals das Gefühl, nur Aufgaben abzuarbeiten, sondern war in einem Projektteam integriert, das ein gemeinsames Ziel verfolgt hat. Manchmal lief man in entgegengesetzte Richtungen, aber hat sich doch immer wieder getroffen.

Graziana Kowalczyk, Abteilung Technical Test Design & Execution bei DB Systel

Changes, für die früher freie Ressourcen in der Instandhaltung und Werkszuführungen der Fahrzeuge erforderlich waren, lassen sich heute in bis zu 30 Minuten flottenweit ausbringen.

Frank Otte, Product Owner für die Zug ITK Plattform (ZIP) und ZIP BO Systeme bei DB Fernverkehr AG

3. Sicher, schnell und flexibel mit der Cloud

Bei der Umsetzung stand das Team vor Herausforderungen: Eine mobile Applikation läuft nur gut, solange sie sich über den entsprechenden Server austauschen kann. Bei der mobilen Kasse gibt es einen Server, der in diesem Umfeld als eines der ersten IT-Verfahren nicht mehr im Rechenzentrum, sondern von der ersten Stunde an als Managed Service in der AWS-Cloud aufgebaut wurde. Auch wenn das System in der AWS-Cloud steht, musste den mobilen Endgeräten ein sicherer Zugriff gewährt werden. In diesem Feld agieren sowohl der CIO-Bereich der DB Fernverkehr als auch DB Systel. Aus diesem Grund lag es nahe, dass man gemeinsam an der Umsetzung gearbeitet hat und auch nach außen bei den Verhandlungen mit externen Lieferanten gemeinsam auftrat – nicht als DB Systel oder DB Fernverkehr, sondern als Deutsche Bahn.

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Die DB Systel hat die entsprechende Konfiguration bereitgestellt und gemeinsam mit DB Fernverkehr eine Logik entwickelt, wie die Software in die Cloud gebracht wird.

Patrick Domnick, Delivery Team SEEC-Team Managed Optimized Passenger Transport bei DB Systel

Durch diese Zusammenarbeit wurde außerhalb der üblichen Standards etwas Neues geschaffen.

Daniel Abeler, IT-Anforderungsmanager bei DB Fernverkehr AG

4. Infrastruktur für WLAN und Netzwerk

Ob Verbindung zwischen Server und Cloud oder zu den mobilen Endgeräten im Zug: Das ganze System funktioniert nur, wenn das WLAN im Zug genutzt werden kann. Für MoKa müssen Informationen zwischen den mobilen Clients und landseitigen Systemen durchgehend fließen können. Dazu sind die Clients untereinander im Zug und mit Cloudservices über ein WLAN für betriebliche Zwecke verbunden. Das betriebliche WLAN wurde speziell auch für MoKa eingebaut. DB Fernverkehr stellt für dieses WLAN im Zug die Infrastruktur mit dem Übergang ins Internet bereit. DB Systel hat auf den mobilen Endgeräten einen gesicherten Zertifikationszugang zur Verfügung gestellt, um das betriebliche WLAN zu nutzen. Das Management des betrieblichen WLANs ist auf der Zug-ITK-Plattform (ZIP) verortet. Die Entwicklung und der Betrieb der ZIP werden in enger Zusammenarbeit zwischen DB Systel Teams und dem CIO-Bereich der DB Fernverkehr sichergestellt. Mit dieser Teamarbeit in Verbindung mit einem innovativen Systemmanagement der ZIP lassen sich deutlich schneller Deployments realisieren.

Neue Anforderungen können so zeitnah in die Umsetzung gegeben und nach der Testphase via Mobilfunk auf die Züge aufgespielt werden.

Matthias Gröschl, Team PO des FlexFIT Development Teams

Ein solcher Change-Prozess erfordert eine gute und enge Zusammenarbeit aller Beteiligten, denn nur so können anfängliche Probleme wie zum Beispiel unvollständige Belege analysiert und behoben werden. In den letzten Monaten konnten zudem die 24/7-Betriebsprozesse auf Niveau einer unternehmenskritischen Anwendung weiter geschärft werden – zwar nicht immer sichtbar, aber dennoch spürbar für den Bordservice. Dabei wachsen Betrieb und Softwareentwicklung auch hier enger zusammen: Seit Juni ergänzt ein Anwendungsarchitekt der DB Systel das MoKa-Entwicklungsteam und entwickelt gemeinsam mit den Kollegen von DB Fernverkehr und Zucchetti die Architektur des verteilen Systems weiter. Wir sind uns sicher, dass es Dank des konstruktiven Dialoges zwischen IT und Fachbereich auch in der nächsten Zeit zu weiteren wichtigen Verbesserungen der MoKa kommen wird.

Durch den Wissenstransfer der Teamkollegen der DB Systel und die agile Arbeitsweise unseres crossfunktionalen Teams konnte jedes Teammitglied gleichzeitig Aufgaben in der Testvorbereitung und -durchführung übernehmen.“

Theresa Kuhles, IT-Management Kunde und Produkt bei DB Fernverkehr AG